Mit Inkrafttreten des Vernichtungsverbots von Textilien nach der EU-Ökodesign-Verordnung dürfen unverkaufte Kleidung, Bekleidungsaccessoires und Schuhe nicht mehr verbrannt, geschreddert oder anderweitig dauerhaft unbrauchbar gemacht werden. Unternehmen müssen stattdessen Alternativen wie Wiederverkauf, Reparatur, Spenden oder Recycling organisieren und ihre Maßnahmen dokumentieren.
„Das Vernichtungsverbot ist ein wichtiger Schritt. Es setzt ein klares Signal gegen die Verschwendung wertvoller Ressourcen und schafft Anreize, von Anfang an anders mit Produkten umzugehen“, sagt Dr. Carsten Gerhardt, Vorsitzender der Circular Valley Stiftung.
Die neue Regelung adressiert insbesondere die Vernichtung von Überbeständen, Retouren und Saisonware. Gleichzeitig sorgt sie dafür, dass Unternehmen künftig neue Prozesse für Wiederverwendung, Rückführung und Recycling etablieren müssen. Dadurch steigt der Bedarf an innovativen Lösungen – etwa für Resale-Konzepte, Reparatur, Rücknahmelogistik oder digitale Systeme zur Rückverfolgbarkeit und Dokumentation.
Fast Fashion bleibt große HerausforderungWährend die neue Regelung die Vernichtung unverkaufter Neuware verhindert, entsteht ein Großteil des Textilabfalls erst nach dem Kauf. Kurze Nutzungsdauern, Fast Fashion und geringe Wiederverwendungsquoten führen dazu, dass weltweit jedes Jahr Millionen Tonnen Textilien entsorgt werden.
„Wenn wir Textilien wirklich im Kreislauf halten wollen, müssen wir den gesamten Lebenszyklus betrachten – vom Design über Nutzung und Wiederverwendung bis hin zum hochwertigen Recycling. Hier entstehen derzeit zahlreiche Innovationen“, sagt Dr. Carsten Gerhardt.
Wie solche Lösungen aussehen können, zeigen Alumni des Circular Economy Accelerators der Circular Valley Stiftung. Das deutsche Startup
Circularity (Batch 1) entwickelt geschlossene Stoffkreisläufe für Berufsbekleidung. Aus ausgedienter Arbeitskleidung entstehen neue Garne und Textilien – vollständig aus recyceltem Material und in einem geschlossenen Produktionsprozess.
Poliverde (Batch 2) aus Brasilien recycelt Nylonreste aus der Textilproduktion und bereitet sie zu hochwertigem Rohmaterial für neue Textilien und weitere industrielle Anwendungen auf.
Das kolumbianische Unternehmen
Gescol (Batch 3) verwandelt ausgediente Schuhe und Polyurethan-Abfälle in neue Werkstoffe für Bau- und Industrieanwendungen. Mit biotechnologischen Verfahren trennt
BioFashionTech (Batch 7) Mischgewebe und gewinnt daraus neue biobasierte Materialien – ein wichtiger Ansatz für bislang schwer recycelbare Textilien.
PaperEarth (Batch 8) wiederum nutzt Textilabfälle als Rohstoff für Verpackungspapiere und ersetzt damit Frischfasern aus Holz.
Circular Economy braucht Innovationen entlang der gesamten WertschöpfungsketteDiese Beispiele zeigen, dass Kreislaufwirtschaft weit über das klassische Recycling hinausgeht. Gefragt sind Lösungen für Wiederverwendung, Wiederaufbereitung, hochwertige Materialrückgewinnung und neue Geschäftsmodelle, die Ressourcen möglichst lange im Umlauf halten.
Auch in der bevorstehende Förderrunde des Accelerator-Programms der Circular Valley Stiftung spielt das Thema Textilien eine wichtige Rolle. Ein Fokus des elften Batches, für den aktuell die Bewerbungen laufen, liegt auf kosteneffizienten Lösungen, die Textilien und Faserwerkstoffe über Design, Rücknahme, Reverse Logistics und Recycling möglichst lange im Kreislauf halten.
Kreislaufwirtschaft funktioniert auch vor OrtNeben technologischen Innovationen entstehen auch auf kommunaler Ebene neue Ansätze. So haben die
Abfallwirtschaftsgesellschaft Wuppertal (AWG) und die
GESA Gruppe ihre Zusammenarbeit auf den Bereich Textilien ausgeweitet. Gesammelte Kleidung wird mit in Stand gesetzten Waschmaschinen gereinigt, bei Bedarf repariert und anschließend lokal wieder angeboten. Ergänzend setzt die AWG auf haushaltsnahe Sammlungen, bei denen Textilien sauber und direkt abgeholt werden. Solche Modelle erhöhen die Qualität der gesammelten Kleidung und erleichtern ihre Wiederverwendung erheblich.
Das Vernichtungsverbot markiert nicht das Ende, sondern den Beginn einer umfassenden Transformation der Textilwirtschaft. Damit diese gelingt, braucht es neben regulatorischen Vorgaben vor allem innovative Unternehmen, neue Geschäftsmodelle und eine enge Zusammenarbeit zwischen Industrie, Startups, Forschung und Kommunen.